Inhaltliches

Von der Revolution zur Erleuchtung und zurück

Die Welt brennt und wir sind ein Teil von ihr

Rassismus, Sexismus, Kapitalismus, Unterdrückung, kurz „das System“, existiert nicht nur außerhalb unserer selbst. Das ist eine Erkenntnis, die in der Linken weit verbreitet ist. Auch wenn wir intellektuell die Destruktivität des Systems erkannt haben, bedeutet das noch lange nicht, dass wir frei davon wären. Im Gegenteil reproduzieren wir dieses System, das zu bekämpfen wir uns zur Aufgabe gemacht haben, permanent selbst in unterschiedlichem Umfang. In vielen Politgruppen findet sich der Kampf um Status in ähnlicher Ausprägung wie in kapitalistischen Unternehmen. Oft ist kein Platz für heftige Emotionen wie das Gefühl der Ohnmacht oder Wut, die fast unausweichlich mit radikalen Kämpfen einhergehen. Das führt in vielen Fällen dazu, dass sich Menschen, die viel Energie in solche Kämpfe gesteckt haben, in Richtung Therapieszene oder zu spirituellen Praktiken umorientieren. Solche Menschen werden meist argwöhnisch beäugt und stehen unter dem Verdacht des Verrats „der politischen Sache“. Das kommt nicht von ungefähr, denn in dem weiten Feld, das pauschal als „Esoterik“ oder „New Age“ bezeichnet wird, tummeln sich verschiedenste reaktionäre Ideologien, Personal-Happiness-Gurus, die „Glück und Erfolg“ zu horrenden Preisen verhökern, Wunderheiler_innen etc.

Das Subjekt der Esoterik

Meist wird unterstellt, die ehemaligen Genoss_innen hätten von heute auf morgen (meist durch esoterische Gehirnwäsche) einen radikalen Gesinnungswandel vollzogen. Da ein solcher blitzartiger Gesinnungswandel jedoch erfahrungsgemäß selten ist, scheint diese These wenig plausibel. Es lohnt sich also, genauer hinzuschauen.

Die meiste Kritik an der „Esoterik“ kommt von marxistischer Seite. Deshalb werde ich hier in kurzen Zügen einen blasphemischen Vergleich wagen: und zwar zwischen den Grundannahmen des Zen-Buddhismus (einer besonders populären Strömung unter den spirituellen Praktiken) und denen der Marxschen Sozialtheorie.

Der wesentliche inhaltliche Kritikpunkt an der „Esoterik“ ist, dass diese ein völlig autonomes Subjekt suggeriere, das für sein Glück und Leid selbst verantwortlich sei und damit die Ideologie des Neoliberalismus widerspiegele1. Diese Frage nach der Souveränität des Subjekts ist in der Tat wichtig für die politische Praxis. Das System ist uns als Selbstdisziplinierung so tief in unser Denken eingebrannt, dass es oft kaum mehr von unserem Willen unterscheidbar ist. Nach dieser Erkenntnis wird die Frage nach der Möglichkeit des emanzipatorischen Handelns im schlechten System zentral.

Die verbreitetste marxistische Position dazu ist die Negation eines jeden wirksamen Subjekts und die Deutung von Individuen als bloße „Personifikationen der ökonomischen Verhältnisse“i. Aus dieser Konzeption wurde eine messianische Vorstellung von der Revolution abgeleitet, die automatisch eintrete, wenn die Zeit reif wäre. Bis dahin gilt jedes Auflehnen gegen die Verhältnisse als konterrevolutionär, weil die Revolution hinauszögernd.

Das Subjetk bei Marx

Es gibt bei Marx jedoch auch eine andere Konzeption des Subjekts, die wesentlich weniger rezipiert wurde. Marx spricht dabei von der „Universalität des Menschen“ii. Das Subjekt ist hier materiell und geistig ein Teil seiner Umwelt und kann sich in deren (ökonomischen, politischen…) Strukturen wiedererkennen, diese jedoch, aufgrund der Tatsache, dass sie auf menschliches Handeln zurückgehen, auch verändern. Es wird also ein dialektisches Subjekt konzipiert, das weder völlig autonom, noch völlig fremdbestimmt ist. Entfremdung versteht Marx dann als fehlendes Bewusstsein der Einheit von Subjekt und Objektiii.

An diesem zentralen Punkt steht Marx überraschend nahe an der Lehre des Zen-Buddhismus. Die zentrale Lehre des Zen ist eben diese Einheit allen Seins, die auch Marx’ Subjekt-Konzept zugrunde liegt. Wie bei Marx gibt es auch im Zen keinen von der Materie getrennten Geist und vor allem keine Trennung von Subjekt und Objektiv.

Durch die Illusion eines von seiner Umwelt getrennten Selbsts entsteht für den Zen-Buddhismus Egoismus und Gier, die er zu überwinden sucht. Hierzu wird eine Praxis der Achtsamkeit vorgeschlagen, die versucht, alle abstrakten Konzepte zu vermeiden und im Hier und Jetzt zu leben. Das kann durchaus eine politische Dimension haben. So folgert der Zen-Meister und Friedensaktivist Thich Nhat Hanh aus der Einheit allen Seins: „Die einzige Alternative zu Ko-Existenz ist Ko-Nichtexistenz. Eine Zivilisation, in der wir andere töten und ausbeuten müssen, um zu leben, ist keine gesunde Zivilisation.“v

Der Ausgangspunkt und das Anliegen unnötiges Leid zu überwinden, ähneln sich also bei Marx und im Zen-Buddhismus. Die Wege, die dazu führen sollen, weisen jedoch in gegensätzliche Richtungen. Bei Marx wird die Dialektik von Individuum und Gesellschaft in Richtung letzterer aufgelöst. Bei ihm ist „die Produktion, […] die Grundlage aller Gesellschaftsordnung […] Hiernach sind die letzten Ursachen aller gesellschaftlichen Veränderungen und politischen Umwälzungen zu suchen nicht in den Köpfen der Menschen“vi.

Die große Befreiung

Die Revolution begreift er als „Auflösung aller Widersprüche“, nach der der Kommunismus als „objektive historische Wahrheit“ hervortritt. Zen schlägt den gegenläufigen Weg ein und sucht die Auflösung der Widersprüche mit der Meditation in der kontinuierlichen Arbeit an sich selbst. Am Endpunkt dieses Prozesses soll die Erleuchtung stehen, die ebenfalls mit dem Erkennen der „objektiven Wahrheit“ einhergehtvii.

Dieses Eintauschen der Dialektik gegen eine „Wahrheit“ hatte in beiden Fällen drastische reale Konsequenzen. In der „Sowjetunion“ wurden bekanntlich diejenigen, die die „objektive Wahrheit“ nicht einsehen wollten, zu Tausenden ermordet oder deportiert. Weniger bekannt ist die Verbindung, die der Zen-Buddhismus mit dem japanischen Faschismus vor und während des Zweiten Weltkriegs eingegangen ist. Eine zentrale Persönlichkeit (jedoch keine Ausnahme, denn die Zen-Klöster stellten sich fast ausnahmslos hinter die Expansionspolitik der Regierung) ist dabei der Zen-Meister D.T. Suzuki, der auch wesentlich zur Popularität der Zen-Lehre im „Westen“ beigetragen hat. Unter anderem veröffentlichte er zusammen mit verschiedenen Offizieren die Schrift „Die Essenz des Bushido“. Darin enthalten ist ein „Verhaltenskodex für Soldaten im Felde“, den alle Soldaten der kaiserlichen Armee auswendig lernen mussten. Darin heißt es unter anderem: „Was Leben und Tod prägt, ist der erhabene Geist der Selbstaufopferung für das öffentliche Wohl. Gehe über Leben und Tod hinaus, indem du entschlossen vorangehst, um deine Pflicht zu erfüllen. Durch die völlige Verausgabung der Kraft deines Körpers und Geistes findest du gelassen deine Freude darin, in der ewigen Pflicht zu leben.“viii

Suzuki nutzt hier Autorität, die ihm als „Erleuchtetem“ zukam, um dem Militarismus der Regierung einen spirituellen Anstrich zu geben, indem er Aufopferung für das Vaterland mit dem Streben nach Erleuchtung gleichsetzte. In späteren Auflagen des Buches schreibt der Herausgeber in seiner Einführung: „Dr. Suzukis Schriften sollen den militärischen Geist des nationalsozialistischen Deutschland stark beeinflußt haben.“ix

Wahrheit und Widersprüche

Die meisten linksradikalen Politgruppen (und nicht nur orthodox marxistische) sind stark nach außen auf die Umwandlung gesellschaftlicher Strukturen orientiert. Das verhindert oft, dass eigene destruktive Denk- und Verhaltensweisen erkannt und überwunden werden können und lässt schwierige Emotionen unter den Tisch fallen. Das wiederum begünstigt ein Polit-Burnout. Möglicherweise liegt darin eine plausiblere Erklärung dafür, dass sich ehemalige Genoss_innen in Richtung „Spiritualität“ oder Therapieszene verabschieden, als im Gehirnwäsche-Argument. Hinzu kommt, dass sowohl dem Marxismus als auch dem Zen-Buddhismus die Suche nach einer radikalen Befreiung zugrunde liegt und beide Traditionen sich in ihrer Struktur teilweise ähnlich sind. In der Spiritualitäts- und Therapieszene werden Abgewanderte jedoch in den meisten Fällen auf die gegenteilige Problematik stoßen, also eine Orientierung nach innen, die alle politischen Voraussetzungen der Freiheit vergisst.

Es bedarf also einer Praxis, die die Dialektik zwischen Individuum und Umwelt nicht einfach in die eine oder andere Richtung auflöst, sondern sowohl nach „innen“ als auch nach „außen“ schaut. Statt sich in einer genauso bequemen wie gefährlichen „objektiven Wahrheit“ einzurichten, die einmal gefunden auf alles angewandt werden kann, muss eine solche Praxis die eigene Widersprüchlichkeit anerkennen: Wir wissen, dass wir niemals Heilige sein werden und doch versuchen wir, unsere Utopie in unserem Handeln vorwegzunehmen. Dazu gehört auch, binäre Kategorien wie Inländer_in/Ausländer_in, Mann/Frau, Freund_in/Feind_in etc. aufzubrechen. Konkret wird es dabei darum gehen, die Elemente des destruktiven Systems in uns selbst zu erkennen und an ihrer Überwindung zu arbeiten, ohne dabei die Handlungsfähigkeit nach außen zu verlieren. Dazu braucht mensch viel Achtsamkeit und Muße. Diese sind aber weder im kapitalistischen Normalbetrieb noch in den meisten Politgruppen verankert, sondern müssen hart erkämpft und erlernt werden.

1 Vgl. z.B. „Esoterik in der Kritik“, iz3w 1/2 2003, S. 21
i MEW (1977): „Band 23“, Berlin, S. 100
ii MEW (1977): „Band 40“, Berlin, S. 515
iii Vgl. Ebd., S. 579
iv Vgl. Thich Nhat Hanh (1999): „Das Herz von Buddhas Lehre“, Freiburg, S. 147 ff.
v Thich Nhat Hanh (2009): „Die Welt ins Herz schließen. Buddhistische Wege zu Ökologie und Frieden“, S. 51
vi MEW (1977): „Band 19“, Berlin, S. 210
vii Vgl. Suzuki, D. T. (1987): „Satori“, Bern, S. 61
viii Zit. n. Victoria, Brian (1999): „Zen, Nationalismus und Krieg“, Berlin, S. 161
ix Ebd.
 
 
————————————-
 
 
 

Von Fußfesseln und Spaziergängen

 

„Die elektronische Fußfessel bietet damit auch Langzeitarbeitslosen und therapierten Suchtkranken die Chance, zu einem geregelten Tagesablauf zurückzukehren und in ein Arbeitsverhältnis vermittelt zu werden.“ Mit diesem Satz forderte 2005 der damalige Justizminister (und heutige Vorsitzende) der hessischen CDU-Fraktion, Christean Wagner, die Repressionen gegen jene, die des Kapitalverbrechens „nichts aus sich zu machen“ schuldig befunden werden, auf ein höheres Niveau zu heben.i

Diese Forderung löste einen Sturm der Empörung aus. „Justiz-Minister knallt durch“ titelte die Bild-Zeitung. Tatsächlich sollte die Forderung weit weniger überraschen, ist doch die moralische Pflicht zu arbeiten ein Grundpfeiler kapitalistischer Ideologie. Die Weigerung, „etwas aus sich zu machen“, sich zu verwerten, kommt einer Desertion aus dem kapitalistischen Heer gleich. „Ein Ziel brauchens’ immer. Ein Ziel ist, worauf man schießt“, lässt Brecht einen Protagonisten seiner Flüchtlingsgespräche zum Thema Arbeit sagen.ii Kein Wunder also, dass gegen diese Deserteure Maßnahmen gefordert werden, die sonst Schwerverbrecher_innen vorbehalten bleiben.

Arbeit ist die beste Polizei

Obwohl ein Großteil der menschlichen Arbeitskraft längst durch Maschinen überflüssig gemacht wurde, werden noch immer alle Register von Propaganda und Repression gezogen um das Dogma der Lohnarbeit aufrechtzuerhalten. Der Grund dafür liegt einerseits darin, dass die Existenz der Möglichkeit, keiner Lohnarbeit nachzugehen, und trotzdem würdevoll zu leben, Ausbeutung nahezu unmöglich machen würde. Andererseits erfüllt Arbeit den Selbstzweck eines Hamsterrades, das die Arbeitenden in Bewegung hält und so von „dummen Gedanken“ abhält. Nietzsche stellte fest, „dass eine solche Arbeit die beste Polizei ist, dass sie jeden im Zaume hält und die Entwicklung der Vernunft, der Begehrlichkeit, des Unabhängigkeitsgelüsts kräftig zu hindern versteht.“iii

Vagabunden und Arbeitslose

In ihrer Geschichte war die Lohnarbeit immer auch ein polizeiliches Problem, dessen Durchsetzung unzählige Todesopfer kostete. Schon im 16. Jahrhundert beauftragte der Königliche Rat in England Spezialbeamte mit der Jagd auf Arbeitsunwillige. Allein während der Regierungszeit Heinrichs VIII wurden so 12.000 „Vagabunden“ gehenkt. Heinrichs Thronfolger Eduard VI verabschiedete einen Erlass, in dem er alle guten Bürger_innen dazu aufrief, jede Person, die seit mehr als drei Tagen keiner Arbeit nachgeht, aufzugreifen und vor zwei Richter zu schleppen, die „dem besagten Herumtreiber sofort an der Brust mit einem glühenden Eisen den Buchstaben V einbrennen lassen sollen und die besagte Person demjenigen, der sie vorgeführt hat, für den Zeitraum von zwei Jahren als Sklaven zu überlassen.“iv

Im 17. und 18. Jahrhundert erlangte die Amsterdamer Umerziehungsanstalt „Rasphuis“ Ruhm für ihre kreativen pädagogischen Methoden: Arbeitsunwillige wurden in einen Keller gesperrt, in den Wasser geleitet wurde. Damit wurden sie vor die Wahl gestellt, entweder zu arbeiten (i. e. das Wasser mit großer Geschwindigkeit wieder abzupumpen), oder zu ertrinken.

Die Forderung nach einer Fußfessel für Arbeitslose steht also in einer langen Tradition, auch wenn heute verstärkt auf Propaganda gesetzt wird, wie z.B. auf das mittlerweile auf allen privaten Kanälen ausgestrahlte „Hartz IV-Fernsehen“, oder Erziehungsmaßnahmen, die in Ratgebern mit Titeln präsentiert werden wie „Faulheit ist heilbar. Ein Leitfaden für Eltern“.

Konkurrenz und Rassismus

Ein zentrales Element dieser Propaganda ist Rassismus. Die Konkurrenzideologie ist untrennbar verbunden mit nationalistischer und rassistischer Hetze nach dem Motto: deutsche Hamsterräder nur für Deutsche! Die kapitalistischen Gesellschaften haben sich gar eine eigene „Rasse“ konstruiert, der sie die Nicht-Arbeit als Stigma zuschreiben: die „Zigeuner“ – ein Schimpfwort für Sinti und Roma, oder zeitweise für „Vagabunden“ im Allgemeinen. Dieser Rassismus führte im Dritten Reich zu einem Genozid, dem schätzungsweise 500.000 Sinti und Roma zum Opfer fielen. Dieser Genozid (Porrajmos), wurde von der BRD erst 1982 anerkannt. 1956 lehnte der Bundesgerichtshof einen Entschädigungsanspruch von Roma und Sinti mit der Begründung ab, dass diese nicht aufgrund von Rassismus verfolgt wurden, sondern weil sie tatsächlich „asozial“ seien.v

Chemische Motivationen

Aktuell erfreuen sich zur Unterwerfung der Körper unter das Diktat der Arbeit Aufputschmittel stetig steigender Beliebtheit. Kaffee ist ihr Klassiker. Die Kultur des Kaffeetrinkens ist eine völlig andere als beispielsweise die des Teetrinkens. Während letzterer meist in kleineren Mengen genussvoll geschlürft wird, ist eine lückenlose Kaffeezufuhr über die gesamte Arbeitszeit keine Seltenheit mehr. Und mit einer Pause ist der Kaffeekonsum längst nicht mehr verbunden. Er wird in riesigen Mengen lustlos herunter gekippt – „to go“ beim durch die Straßen Hetzen, beim Autofahren oder vor dem Bildschirm. 150 Liter werden hierzulande pro Kopf im Jahr getrunken. Damit ist Kaffee in Deutschland das meist konsumierte Getränk überhaupt, noch vor Wasser.vi

Der flüssige Kaffee wird jedoch zunehmend ersetzt durch Koffeeintabletten oder andere Präparate, die weniger Zeit zur Einnahme benötigen und eine stärkere Wirkung haben.Im Internet fragen erschöpfte Menschen in den verschiedensten Foren nach Empfehlungen für Aufputschmittel. Ein Beispiel eines anscheinend 18 Jahre alten Jugendlichen:

„es gibt tage da musst du bis halbzwölf abends arbeiten und am nächsten tag wieder um sechs zur frühschicht antanzen… das heisst um fünf aufstehen… also… so an nem tag wie heute (wo sie das vorher beschriebene wieder mal erreignete) trink ich gegen 5 espresso und ca 11 ristretto (die kleineren mit der glaub doppelten dosis koffein)… hab dann nach ner gewissen zeit auch ziemliches magenbrennen das sich dann jedoch nach öfterem wasserkonsum wieder verzieht. ich fühl mich während der arbeit manchmal auch bisschen komisch jedoch voll konzentriert und arbeite sicher 5 mal schneller als normal… hab mir auch schon überlegt was zu ziehen (koks etc) vor der arbeit… da ich jedoch nicht unbedingt da reinrutschen möchte wollt ich fragen ob mir koffeintabletten wohl helfen würden? so ne schicht von sechs uhr morgens bis abends manchmal bis um siebzehn oder achtzehn uhr ist ohne so viel koffein für mich der reine horror…“vii

„Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen“

Auch die politische Linke war nie gefeit vor dem Dogma der Arbeit. Im Gegenteil ist die Geschichte des Klassenkampfes zu großen Teilen ein Kampf um das „Recht auf Arbeit“ gewesen. Lenins Ausspruch „Wer nicht arbeitet soll auch nicht essen“, bringt dieses Verhältnis auf den Punkt.

Aber auch in heutigen, nicht stramm marxistisch, sondern libertär verorteten Gruppen übertragen sich die Denk- und Handlungsmuster des kapitalistischen Alltags in die politische Praxis. Diese oder jene Aktion muss um jeden Preis organisiert werden, bis die Nazis aufmarschieren oder der Castor rollt, „unreflektierte“ Ansichten in den eigenen Kontexten müssen in ihre Grenzen gewiesen werden etc.. Dabei ist die Gefahr groß, in das Handlungsschema der Effizienz und Konkurrenz zu verfallen, mit allem was dazu gehört: Der Kampf um Status findet sich in vielen Polit-Gruppen in nicht weniger starker Ausprägung als in kapitalistischen Unternehmen. Burnout durch Überlastung ist in diesen wie jenen an der Tagesordnung.

Eine Praxis der Achtsamkeit und Muße

Eine emanzipatorische Praxis muss außerhalb des Arbeitswahns liegen, muss sich dezidiert gegen das Prinzip Arbeit richten. Eine solche Praxis muss eine achtsame sein, die im gegenwärtigen Moment verankert ist und sich nicht in Projekten und Identitäts-Kämpfen verrennt; eine Praxis, die es ermöglicht, die verschiedenen Gefühle wie Wut und Ohnmacht, aber auch Freude wahrzunehmen, die in einem selbst und bei Mitstreiter_innen gerade präsent sind, anstatt sie aus Effizienzgründen beiseite zu schieben.

Eine solche Praxis benötigt Muße, die heute hart erkämpft und erlernt werden muss. Angesichts der gesellschaftlichen Verhältnisse ist jeder absichtslose Spaziergang eine antikapitalistische Demonstration. Das schöne dabei ist, dass wir jeden Moment damit anfangen können, ob wir allein oder in (Polit-)Gruppen sind, ob auf der Arbeit oder bei der Aktionsvorbereitung. Fast immer besteht die Möglichkeit anzuhalten. Wir können aus dem Fenster schauen und die Wolken betrachten, einen dampfenden Tee genießen, uns die Zeit für ein ernstgemeintes „wie geht es dir?“ nehmen, das zu mehr als einer Drei-Sekunden-Antwort einlädt, oder einfach vor uns hinstarren, notfalls auf irgendwelche Dokumente, damit wir dabei nicht gestört werden. Zumindest hat eine solche Praxis der Absichtslosigkeit noch niemandem geschadet, während Arbeit jedes Jahr mindestens zwei Millionen Menschen das Leben kostet.viii

ii Bertolt Brecht (2005): „Ausgewählte Werke in sechs Bänden. Band fünf Prosa“: S. 62
iii Friedrich Nietzsche (1881): „Morgenröte. Gedanken über die moralischen Vorurteile“, Drittes Buch, Aphorismus 173
iv Zit. nach Robert Castel (2008): „Die Metamorphosen der sozialen Frage. Eine Chronik der Lohnarbeit“: S. 86
v Ännecke Winckel (2002): „Antiziganismus. Rassismus gegen Roma und Sinti im vereinigten Deutschland“: S. 38
vi http://www.kaffeeverband.de/kaffeewissen/kaffeekultur/geschichte/kaffee-in-deutschland
vii http://www.gutefrage.net/frage/koffeintabletten-waehrend-der-arbeit
viii ILO (2003): Safety in numbers: S.2

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: